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Twittern gegen Krieg

Isaf und Taliban kämpfen auf Twitter. Stimmt ja gar nicht – stimmt ja doch! Auf Twitter streiten Isaf-Soldaten und Taliban-Vertreter darüber, was in Afghanistan passiert und wie es einzuordnen ist. Politiker sind entsetzt, die Armee verteidigt ihr neues Schlachtfeld.


@ISAFmedia: „Wie lange werden Terroristen noch unschuldige Afghanen gefährden?“

@abalkhi: „Keine Ahnung. Ihr habt sie doch seit zehn Jahren gefährdet, ganze Dörfer und Märkte ausgelöscht – und trotzdem noch den Nerv, von ‚Gefährdung‘ zu sprechen?“

So geht das seit Mitte September, über den offiziellen Twitter-Account streitet sich die Afghanistan-Schutztruppe Isaf mit einem gewissen Abdulqahar Balkhi, der als Homepage das offizielle Propagandaportal der Taliban angibt. Bis dahin hatte die Isaf nur offizielle Stellungnahmen herausgegeben, sie hatte Twitter als zusätzlichen Sendekanal genutzt und das „Soziale“ an den neuen Medien vorerst ausgeblendet. Am 14. September geriet die US-Botschaft in Kabul unter Beschuss – seitdem wird zurückgetwittert.

Das Bemerkenswerte an dem Twitter-Dialog: Offiziell sprechen Taliban und US-Regierung nicht miteinander, Friedensverhandlungen sind gescheitert. Im Internet hingegen gibt es einen öffentlichen Schlagabtausch. Meldet die Isaf einen Erfolg, etwa eine neue Statistik über zurückgegangene Angriffe, kontern die Taliban. Deren Behauptungen wiederum, oft geht es um Berichte über Verluste der afghanischen Streitkräfte, werden von der Isaf korrigiert.

Beide Seiten ringen um die Deutungshoheit im Social Web, die Isaf will die Propagandaschlacht nicht den Taliban überlassen. Terrorgruppen tun sich traditionell leichter beim Einsatz von Social Media als die Großarmeen demokratischer Staaten. Auf Websites und Plattformen werden seit Jahren Manifeste, Videos und Botschaften verbreitet. Mal sollen neue Kämpfer rekrutiert, mal der Weltöffentlichkeit tatsächliche oder vermeintliche Gräueltaten präsentiert werden.

Virtuelle Schlacht mit Argumenten

Der „Washington Post“ hat nun einer der Soldaten hinter dem Isaf-Twitteraccount Auskunft gegeben. US-Soldat Jimmie Cummings erklärte, bei den Taliban-Tweets handele es sich meistens um Propaganda. Man suche sich gezielt einzelne Nachrichten heraus, um sie richtigzustellen. Angeblich mit Erfolg: In den vergangenen Monaten seien die Taliban vorsichtiger mit ihren Behauptungen geworden, so Cummings. Er führt das auf die Präsenz der Isaf auf Twitter zurück, die Taliban wollten sich nicht bei Falschmeldungen erwischen lassen.

Wenn Abdulqahar Balkhi brutales Vorgehen der Isaf-Truppen beklagt, meldet die Truppe auf Twitter zurück, dass Plündern und Prügeln nicht zur Einsatzroutine der Isaf zählten. Der mutmaßliche Talib – der sich in Afghanistan aufhalten könnte, genauso gut aber auch in Wuppertal – antwortete mit einem YouTube-Clip mit Aufnahmen von US-Soldaten, die sich alles andere als vorbildlich verhalten.

Der US-Senator Joe Lieberman hat bereits ganz allgemein wegen der Social-Media-Aktivitäten der Taliban angeregt, Terrorgruppen die Internet-Unterstützung zu entziehen. Er empfahl Unternehmen, die Blogs und Videos solcher Gruppen zu löschen. Lieberman war es auch, der Amazon dazu gedrängt haben soll, einen Vertrag mit WikiLeaks zu kündigen. Die Enthüllungsplattform hatte ihre Website von Amazon hosten lassen.
Twitter-Taliban den Account kündigen? So weit würde nicht einmal US-Soldat Cummings gehen. Man könne argumentieren, dass solche Plattformen so offen wie möglich sein sollten, sagte er der „Washington Post“. Das offene, freie Internet, wie es die US-Außenministerin Hillary Clinton angesichts des Arabischen Frühlings preist, ist eben für alle da. Unternehmen, die auf den Druck der Politik hören und nach Gesinnung Accounts löschen, sind bisher die Ausnahme.

Ein Gutes hat die virtuelle Schlacht mit Argumenten: Es sterben keine Menschen.

via: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/

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